Steigende Baukosten, schrumpfende Bevölkerung, fehlende Förderung – in Mitteldeutschland spitzt sich die Wohnsituation dramatisch zu. Bei einer Pressekonferenz im Leipziger „Penta“-Hotel schlugen die regionalen Wohnungsverbände Alarm. Rund 2 Millionen Menschen leben in den Wohnungen der kommunalen Gesellschaften und Genossenschaften. Doch die wirtschaftliche Belastungsgrenze sei erreicht. Die Verantwortlichen fordern sofortige politische Unterstützung und eine Vereinfachung des Bau- und Energierechts.
Inhaltsverzeichnis:
- Matthias Kuplich kritisiert Regelwut beim Bauen
- Alexander Müller fordert realistische Klimastrategien
- Mirjam Philipp warnt vor Neubau-Stopp
- Frank Emrich sieht Energieversorger in der Pflicht
- Jens Zillmann fordert höhere Zuschüsse für ländliche Regionen
- Kommunen am Limit, Förderlücke wird größer
Matthias Kuplich kritisiert Regelwut beim Bauen
Dr. Matthias Kuplich vom Verband der Wohnungsgenossenschaften Sachsen-Anhalt forderte eine schnelle und entschlossene Zusammenarbeit zwischen Politik, Gesellschaft und Wohnungswirtschaft. Die steigenden Anforderungen im Gebäudeenergiegesetz und die Pflicht zur Dämmung seien ein zentrales Problem. Neubauten kosten mittlerweile rund 4.000 Euro pro Quadratmeter. Um diese Investitionen zu refinanzieren, wären Mieten zwischen 18 und 20 Euro notwendig – ein Wert, der das Dreifache des derzeitigen mitteldeutschen Durchschnitts von 5,63 Euro beträgt.
Die gemeinwohlorientierten Wohnungsunternehmen arbeiten nicht profitorientiert. Dennoch stoßen sie an ihre Grenzen. Der Kostendruck durch Regulierungen verhindere nicht nur Neubau, sondern auch notwendige Sanierungen.
Alexander Müller fordert realistische Klimastrategien
Alexander Müller vom Verband der Wohnungswirtschaft Sachsen forderte eine Umstellung der Klimapolitik im Gebäudesektor. Statt aufwendiger Dämmmaßnahmen solle auf klimaneutrale Wärmeversorgung in Kooperation mit kommunalen Versorgern gesetzt werden. Der sogenannte Praxispfad zur CO₂-Reduktion ermögliche:
- Realisierbare Klimaziele bis 2045
- Reduzierte Förderkosten durch wirtschaftlich sinnvolle Maßnahmen
- Sozial gerechte Mietpreise
- Abbau von Bürokratie durch planbare Vorgaben
Ziel sei es, Gebäude energetisch zu modernisieren, ohne sie unerschwinglich zu machen.
Mirjam Philipp warnt vor Neubau-Stopp
Mirjam Philipp vom Vorstand des Verbandes der Sächsischen Wohnungswirtschaft rief die Bundesregierung zur Unterstützung auf. Die Kombination aus hohen Baukosten und steigenden Zinsen mache Investitionen in neue Wohnungen unmöglich. Auch die Erhaltung bestehender Wohnungen stehe unter Druck.
Die Forderungen umfassen:
- Schnellere Genehmigungsverfahren
- Langfristige und zuverlässige Förderprogramme
- Verschlankung des Baurechts
- Gleichwertige Behandlung von Neubau und Bestandserhalt
Nur mit verlässlichen Rahmenbedingungen könne die Branche ihre gesellschaftliche Verantwortung für bezahlbares Wohnen erfüllen.
Frank Emrich sieht Energieversorger in der Pflicht
Frank Emrich vom Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft Thüringen betonte die Bedeutung der Energieversorger. Um das Wohnen auch künftig bezahlbar zu halten, brauche es eine gerechte Lastenverteilung zwischen Mietern, Vermietern, Staat und Energieunternehmen.
Wichtige Punkte sind:
- Kooperationen mit Versorgern zur Kostensenkung
- Anpassung der Geschäftsmodelle
- Effizienzsteigerung durch Outsourcing von Serviceleistungen
Nur durch gemeinsames Handeln könne eine sozial gerechte Energieversorgung sichergestellt werden.
Jens Zillmann fordert höhere Zuschüsse für ländliche Regionen
Der Verbandsdirektor der Wohnungswirtschaft Sachsen-Anhalt, Jens Zillmann, sieht große Herausforderungen auf die ländlichen Räume zukommen. Bis 2045 werde Mitteldeutschland rund 900.000 Einwohner verlieren. Leipzig, Dresden und Halle wachsen, doch kleinere Städte und Gemeinden schrumpfen.
Das bedeutet konkret:
- Bis zu 500.000 Wohnungen werden weniger benötigt
- Der Leerstand beträgt heute bereits 8,7 Prozent
- In Städten wie Dessau-Roßlau liegt er bei über 30 Prozent
Gleichzeitig werde die Wohnraumförderung gekürzt oder sogar ganz gestrichen. Sachsen-Anhalt hat bereits einen Förderstopp verkündet. Sachsen hat die Rückbauförderung gestrichen. Dadurch verschärfen sich die finanziellen Probleme vieler Gesellschaften in den betroffenen Regionen.
Kommunen am Limit, Förderlücke wird größer
Die Städte und Gemeinden als mögliche Partner der Wohnungswirtschaft fallen zunehmend aus. Laut einer aktuellen Erhebung des Bundesamtes für Statistik verzeichneten die Kommunen 2024 ein Rekorddefizit. Damit sinkt ihre Fähigkeit, freiwillige Aufgaben wie die Unterstützung der lokalen Wohnungswirtschaft zu übernehmen.
Die mitteldeutschen Verbände fordern daher:
- Erhalt der ländlichen Infrastruktur
- Stärkung der kommunalen Haushalte
- Priorisierung der Wohnbauförderung für Bestandsmaßnahmen
Nur durch gezielte Investitionen in Bestand, Barrierefreiheit und Energieeffizienz kann der soziale Zusammenhalt in den Regionen gesichert werden.
Quelle: Leipziger Zeitung